Thomas stand vor dem Spiegel und richtete seine Krawatte, als Emma den Raum betrat.
— Wie findest du mein Aussehen? — fragte er mit einem leichten Lächeln, ohne seinen Blick vom Spiegelbild abzuwenden.
— Sehr schick. Du siehst großartig aus, antwortete sie zurückhaltend.
— Ich sehe immer so aus, entgegnete Thomas selbstzufrieden. — Und du, bist du bereit fürs Abendessen?
— Natürlich. Ich habe dein Lieblingsessen gemacht: Nudeln mit Soße und einen frischen Salat.
Beim Essen bemerkte Thomas, dass Emma kaum aß.
— Warum isst du nicht?
— Ich habe gerade keinen Appetit, zuckte sie mit den Schultern.

— Vielleicht ist das besser so. Man muss auf die Linie achten. Du weißt ja, dass die Ehefrau des Direktors repräsentativ sein muss. Und du… bist nicht mehr wie früher.
Emma spürte ein Ziehen in der Brust, sagte aber nichts. Sie wusste, dass Streit mit ihm zu nichts führte.
— Übrigens, zur Feier gehe ich alleine, fügte er beiläufig hinzu.
— Aber du hattest doch versprochen, dass du mich diesmal mitnimmst…
— Ich habe meine Meinung geändert. Ich sage, du seist müde. Ehrlich gesagt ist es mir ohne dich viel bequemer. Du bist einfach zu ungeschickt.

Schweigend aß Emma ihren Salat und verließ den Raum. Sie blickte auf die Kinder im Hof und dachte daran, wie sehr sich alles verändert hatte. Vor Jahren hatte sie von einer großen Familie, einem Haus voller Lachen geträumt. Doch Thomas fand immer einen Grund, es aufzuschieben: erst die Karriere, dann das Geld…
Eine Woche später führte Emma heimlich ein Vorstellungsgespräch in einer großen Firma. Dass sie im selben Konzern wie Thomas landen würde, hätte sie nie erwartet – und doch bekam sie den Job.
Am Abend der Firmenfeier suchte Thomas seine Krawatte aus und hoffte auf Emmas Rat. Sie sagte jedoch nur:
— Du solltest weniger rauchen. Dein Gesicht wirkt blass.
Er schwieg. Das war nicht die Emma, die ihn sonst stets unterstützte.
— Was ist mit dir los? fragte er gereizt.
— Ich beginne gerade, mein eigenes Leben zu führen, antwortete sie ruhig.

Dann wurde es auf der Bühne verkündet:
— Hier kommt unsere neue Abteilungsleiterin: Emma Larsen!
Thomas traute seinen Augen nicht. Seine Frau, in einem eleganten dunkelblauen Kleid, betrat die Bühne, selbstbewusst und gelassen.
— Was machst du hier? fauchte er später im Flur.
— Thomas, du entscheidest nicht mehr über mein Leben, erwiderte sie gelassen. Ich habe die Scheidungspapiere eingereicht. Leb dein Leben.
— Wegen dieses Jobs?
— Nein. Mir wurde klar, dass ich nicht mit jemandem zusammen sein muss, der mich nicht schätzt. Und falls du es vergessen hast – jetzt bin ich deine Vorgesetzte.
Thomas blieb fassungslos zurück, während Emma zu ihren jubelnden Kollegen zurückkehrte. An diesem Abend erlebte sie zum ersten Mal, was es heißt, gehört, respektiert und frei zu sein.







