Meine Nachbarin bat mich, ihr Paket abzuholen, während sie im Krankenhaus war… Doch als ich sah, was auf der Schachtel stand, wurde mir eiskalt.

LEBENSGESCHICHTEN

Meine Nachbarin bat mich, ihr Paket abzuholen, während sie im Krankenhaus war… Doch als ich sah, was auf der Schachtel stand, wurde mir eiskalt.

Ich hielt mich nie für besonders neugierig.

Zumindest nicht bis zu jenem Morgen.

Meine Nachbarin, Anna Sergejewna, wohnte eine Etage unter mir. Eine stille, ordentliche Frau um die siebzig. Sie grüßte immer, goss die Blumen am Hauseingang und schimpfte mit Jugendlichen, wenn sie Müll neben der Bank liegen ließen.

Wir standen uns nicht nahe, aber unser Verhältnis war gut.

An diesem Tag rief sie mich früh am Morgen an.

Ihre Stimme klang schwach.

— Lenotschka, entschuldige bitte, dass ich dich störe. Man hat mich ins Krankenhaus gebracht. Wenn heute ein Paket kommt, hol es bitte ab. Es ist sehr wichtig.

Ich sagte sofort zu.

Ein paar Stunden später klingelte tatsächlich der Kurier an der Gegensprechanlage. Ich ging hinunter, unterschrieb und nahm eine kleine Pappschachtel entgegen.

Nichts Besonderes.

Doch als ich wieder in meiner Wohnung war und sie auf den Tisch stellte, bemerkte ich plötzlich eine Aufschrift an der Seite.

Keine Adresse.

Kein Strichcode.

Sondern einen Satz, mit schwarzem Marker geschrieben:

„Nur nach meinem Tod öffnen.“

Ich erstarrte.

Zuerst dachte ich, es sei ein Fehler. Vielleicht eine alte Schachtel. Vielleicht ein Scherz. Vielleicht hatte ich einfach etwas falsch verstanden.

Aber der Name der Empfängerin war ihrer.

Anna Sergejewna.

Und auch die Wohnungsnummer war ihre.

Den ganzen Tag ging ich an dieser Schachtel vorbei und versuchte, sie nicht anzusehen. Doch je länger sie in meiner Küche stand, desto schwerer wurde mir ums Herz.

Am Abend rief Anna Sergejewnas Tochter an.

Ich kannte sie nur mit Namen — Marina. Sie kam selten zu ihrer Mutter. Meist fuhr sie mit einem teuren Auto vor, ging schnell nach oben und verschwand genauso schnell wieder.

— Hat man Ihnen das Paket gegeben? fragte sie mit scharfer Stimme.

— Ja. Es ist bei mir.

Am anderen Ende wurde es still.

Dann sagte Marina:

— Ich komme jetzt. Geben Sie es niemandem. Und vor allem: Öffnen Sie es nicht.

Mir gefiel nicht, wie sie das sagte.

Zwanzig Minuten später stand sie schon vor meiner Tür. Elegant gekleidet, gereizt, mit einem Gesichtsausdruck, als sei ich schuld daran, dass das Paket überhaupt bei mir gelandet war.

— Geben Sie mir die Schachtel.

Ich rührte mich nicht.

— Anna Sergejewna hat mich gebeten, sie ihr persönlich zu übergeben.

Marina lächelte spöttisch.

— Meine Mutter ist im Krankenhaus und versteht nicht immer, was sie sagt. Ich bin ihre Tochter. Geben Sie sie mir.

Und genau in diesem Moment hörte ich ein Geräusch.

Aus der Schachtel.

Leise.

Kaum wahrnehmbar.

Als hätte sich darin etwas bewegt.

Marina hörte es auch.

Ihr Gesicht veränderte sich.

— Geben Sie mir sofort die Schachtel, sagte sie nun mit einer ganz anderen Stimme.

Doch aus irgendeinem Grund trat ich zurück.

In diesem Moment klingelte mein Telefon.

Es war Anna Sergejewna.

Ich stellte auf Lautsprecher.

— Lenotschka, flüsterte sie, wenn Marina wegen des Pakets gekommen ist, gib es ihr nicht.

Marina wurde blass.

— Mama, was redest du da?

Doch Anna Sergejewna sprach weiter:

— In dieser Schachtel ist nicht das, was sie glaubt. Dort sind Beweise. Und wenn mir etwas passiert, bring sie zur Polizei.

In mir zog sich alles zusammen.

Marina machte einen schnellen Schritt auf mich zu.

Doch ich hatte die Tür bereits zugeschlagen.

Während sie draußen klopfte und schrie, wählte ich mit zitternden Händen die Nummer der Polizei.

Später stellte sich heraus, dass Anna Sergejewna monatelang Unterlagen gesammelt hatte. Auszüge. Vertragskopien. Gesprächsaufnahmen. Ihre Tochter hatte versucht, die Wohnung auf sich überschreiben zu lassen und die Ärzte davon zu überzeugen, dass ihre Mutter „nicht mehr bei klarem Verstand“ sei.

Die Schachtel war ihre Absicherung.

Darin lag nicht nur eine Mappe mit Papieren.

Darin war ein altes Telefon mit laufender Aufnahme.

Und genau deshalb hatte es dieses leise Geräusch gemacht.

Anna Sergejewna überlebte.

Marina wurde später lange verhört.

Und diese Schachtel verfolgte mich noch wochenlang in meinen Träumen.

Denn manchmal ist die ganz gewöhnliche Bitte einer Nachbarin, ein Paket abzuholen, gar keine Bitte.

Sondern der letzte Versuch, das eigene Leben zu retten.

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